Kapitel 8
Psychologie, Fehler und das vergessene Depot
Je weiter man sich mit Zahlen, Kennzahlen, Fair Values und Strategien beschäftigt, desto klarer wird ein unbequemer Gedanke: Der gefährlichste Gegenspieler sitzt nicht an der Wall Street, nicht in Notenbanken und auch nicht in Hedgefonds, sondern im eigenen Kopf. Angst, Gier, Hoffnung, Panik, Frustration und dieser seltsame Wechsel zwischen Größenwahn und Selbstzweifel begleiten fast jeden Anleger, egal wie viele Bücher er gelesen hat. Genau an dieser Stelle beginnt das Gebiet, das man Behavioral Finance nennt, die Lehre der menschlichen Irrwege an der Börse.
Die Theorie sagt, Märkte seien effizient und alle Informationen jederzeit eingepreist. In der Praxis sieht man Spekulationsblasen, plötzliche Crashs, irrationale Übertreibungen nach oben und unten. Wenn Märkte wirklich perfekt rational wären, gäbe es keine absurden Hypes, keine Pennystock Blasen, keine Phasen in denen Verluste ignoriert werden, nur weil man „sicher ist, dass es schon wieder hochgeht“. Die Realität zeigt: Märkte bestehen aus Menschen und Menschen handeln selten so logisch, wie sie es im Nachhinein erzählen. Nein, an der Börse „menschelt“ es ordentlich!
Genau deshalb ist ein klares Regelwerk so wichtig. Eine gute Strategie besteht nicht nur aus Formeln und Tools, sondern auch aus einer Art Stütze für die Psyche. Man braucht etwas, das einen festhält, wenn rundherum alle nervös werden. Die Fairvalue Calculator Methode ist nicht nur ein Werkzeug, um unterbewertete Aktien zu finden, sondern auch eine mentale Stütze. Sie bietet einen festen Referenzpunkt inmitten von Lärm, Schlagzeilen und Bauchgefühlen. Man sieht nicht nur, dass der Kurs fällt, sondern auch, wie weit er sich vom inneren Wert entfernt hat. Dieser Bezug hilft, Entscheidungen nicht nur aus dem Bauch heraus zu treffen.
Trotzdem macht jeder Fehler. Und manche Fehler tun so weh, dass sie sich tief einbrennen. Einer dieser Fehler hatte mit einer Firma zu tun, die auf den ersten Blick genial klang. Eine US Firma mit einem Putzschwamm, in den die Seife bereits eingebaut war. Es brauchte keine Seifenflasche mehr, der Schwamm schäumte und schäumte, zumindest in der Werbung. Es gab sogar ein Foto von einer riesigen Werbetafel in einem Baseballstadion. Neues Produkt, große Bühne, tolle Geschichte. In der Fantasie sah man schon Millionen Haushalte, die genau diesen Schwamm benutzen würden. Also wurden Aktien gekauft. Nur wenige Monate später war das Unternehmen insolvent und man erfuhr, dass offenbar mehr Geld in Werbung und Show gesteckt wurde als in ein echtes Geschäftsmodell. Zurück blieb eine wertlose Pennystock Position und die Erkenntnis, dass bunte Geschichten und vermeintlich geniale Produkte keine Grundlage für Investments sind.
Die wichtigste Lehre daraus: Finger weg von Pennystocks und dubiosen Minenwerten, die nur auf Hoffnung, Gerüchten und aggressiver Werbung beruhen. Pennystocks heißen nicht zufällig so. Der niedrige Stückpreis wirkt verlockend, weil man viele Anteile kaufen kann, doch das Risiko ist enorm. Solche Werte werden gerne durch gefälschte Erfolgsgeschichten, Newsletter und Forenbeiträge nach oben gepusht, nur damit andere rechtzeitig wieder aussteigen und die letzten Käufer mit den Verlusten zurücklassen. Dieser Fehler ist bereits gemacht, den muss niemand wiederholen.
Ein typischer psychologischer Stolperstein ist das umgekehrte Chance-Risiko-Verhalten. Sobald eine Aktie schnell steigt, ist man versucht, Gewinne viel zu früh mitzunehmen, weil es sich so gut anfühlt, „etwas gesichert“ zu haben. Wenn der Kurs dagegen fällt, beginnt das Schönreden. Man erzählt sich selbst, dass es nur eine kurze Delle sei, dass „es schon wieder hochkommt“, und hält Positionen viel zu lange. Gewinne werden also begrenzt, Verluste lässt man laufen. Genau das ist das Gegenteil von dem, was man eigentlich tun sollte. Die Fair Value Methode hilft hier, das Schema umzukehren, indem sie klar zeigt, ob der Rückgang eine Übertreibung nach unten sein könnte oder ob ein Titel grundlegend zu teuer war.
Besonders brutal wird es in Crashphasen. Kurse fallen plötzlich Tag für Tag, die Medien voll mit Untergangsszenarien, Experten sprechen von Systemkrise. In solchen Momenten fühlt es sich rational an zu verkaufen, um „Schlimmeres zu verhindern“. Rückblickend zeigt sich aber meistens, dass Märkte nach großen Einbrüchen relativ rasch wieder nach oben drehen. Wer im Tief verkauft, verpasst oft genau die kräftigsten Erholungsbewegungen. Historisch betrachtet sind Crashs meistens kurzfristige Ausreißer in einem langfristig steigenden Trend. Das ändert nichts daran, dass sich ein Einbruch von 30 oder 40 Prozent im Depot grauenvoll anfühlt. Aber es erklärt, warum Ruhe und ein klarer Plan so wichtig sind.
Eine sinnvolle Strategie besteht darin, bereits vor teuren Marktphasen liquide Reserven aufzubauen. Wer etwas Cash auf der Seite hat, kann in Abschwüngen gezielt nachkaufen, statt nur zuzusehen. Statt alles auf einmal zu investieren, kann man in Tranchen einsteigen, also regelmäßig mit gleich großen Beträgen. Dadurch glättet man den Einstiegspreis, verteilt das Timing Risiko und nimmt sich selbst den Druck, das perfekte Tief treffen zu müssen. Man vermeidet FOMO, die Angst etwas zu verpassen, indem man akzeptiert, dass man nicht jeden Punkt erwischt, aber regelmäßig und diszipliniert investiert.
Mindestens genauso gefährlich wie Panik ist Übermut. Sobald ein System eine Weile funktioniert, ist man versucht, mehr zu riskieren. Man beginnt, Hebelprodukte, Zertifikate oder Optionsscheine zu handeln. Auf dem Papier sieht es genial aus: kleine Bewegungen im Index, große Bewegungen im Depot. Vielleicht gelingen auch die ersten Trades. Das Ego wächst schneller als der Kontostand. Es fühlt sich an, als hätte man das System endgültig verstanden. Man checkt Kurse beim Zähneputzen, in der Badewanne, in jeder freien Minute. Alles dreht sich um einen Kontostand auf dem Bildschirm.
Irgendwann kommt der Moment, in dem der Markt anders reagiert als erwartet. Ein Hebel wirkt dann wie ein Multiplikator in die falsche Richtung. Statt kleiner Schwankungen erlebt man binnen Stunden Verluste, die das Konto auffressen. Egal wie viele Indikatoren, Candlesticks oder Trendlinien herangezogen wurden, am Ende steht das gleiche Ergebnis: Stress, Schlaflosigkeit und ein leergeräumtes Depot. In der Rückschau erkennt man, dass die eingesetzte Energie und Nervenleistung in keinem vernünftigen Verhältnis zum Resultat standen.
Der vielleicht wichtigste Aha Moment entsteht nicht in einer besonders cleveren Analyse, sondern durch einen Blick auf mein altes, fast vergessenes Depot. Mein Demokonto, irgendwann mit soliden Blue Chips bestückt, dann jahrelang nicht mehr angerührt. Kein Timing, keine Derivate, keine nächtlichen Chartstudien. Einfach nur gute Unternehmen, liegen gelassen und in Ruhe gelassen. Und ausgerechnet dieses „vergessene Depot“ hat sich über mehrere Jahre vervielfacht, während das mühsam aktiv gehandelte Konto zwischenzeitlich ausgelöscht wurde. Dieser Kontrast ist schmerzhaft ehrlich: Geduld und Einfachheit schlagen Aktionismus und Nervenkitzel.
Die gleiche Lektion wiederholt sich in Krisen wie 2008. Man denkt, man sei vorbereitet, kennt die Instrumente, weiß, wie man von fallenden Kursen profitieren kann, setzt auf Short Positionen und erwischt genau den Wendepunkt. Der Markt dreht nach oben und aus der vermeintlich genialen Idee wird erneut ein schmerzhafter Verlust. Spätestens dann versteht man, dass Market Timing auf Dauer kaum zu gewinnen ist und dass es besser ist, auf eine robuste, langfristige Strategie zu setzen.
All diese Erfahrungen führen zu einem nüchternen Fazit: Der Fair Value Ansatz funktioniert nur, wenn man ihn konsequent durchzieht. Die Methode ist bewusst einfach gehalten, damit sie im Alltag anwendbar bleibt. Sie lässt wenig Raum für kreative Ausnahmen und emotionale Sonderfälle. Wer versucht, sie ständig zu „verbessern“, noch ein wenig mehr Rendite herauszuholen oder nebenbei doch wieder zu zocken, läuft Gefahr, genau das zu zerstören, was sie so wertvoll macht. Aus Backtests und der eigenen Historie ergibt sich, dass eine langfristige Überrendite in einer Größenordnung von etwa fünfzehn bis zwanzig Prozent pro Jahr bereits ein hervorragendes Ergebnis ist. Mehr ist nicht nötig, mehr ist nicht möglich. Der Zinseszinseffekt erledigt den Rest.
Am Ende ist die wichtigste Aufgabe nicht, die perfekte Formel zu finden, sondern sich selbst im Griff zu haben. Eine gute Strategie, klare Regeln, ein Verständnis für die eigenen Schwächen und genug Demut, um aus Fehlern zu lernen, sind deutlich wertvoller als der nächste „geheime Börsentipp“. Die Fairvalue Calculator Methode liefert die Struktur und die Zahlen. Den Rest muss man selbst beisteuern: Geduld, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, sich auch in turbulenten Phasen an den eigenen Plan zu halten.