Kapitel 3
Der manuelle Fair Value Rechner
Wenn man das erste Mal „Fair Value berechnen“ hört, denken viele sofort an drei Bildschirme, 47 Excel Tabs und diesen einen Freund, der bei jeder Zahl „ja, aber“ sagt. Genau deshalb habe ich bewusst einen Einstieg gewählt, der fast schon frech einfach ist: Auf fairvalue-calculator.com gibt es einen kostenlosen manuellen einfachen Fair Value Rechner, der dir die Idee von Fair Value praktisch beibringt, ohne dass du dich dabei fühlst wie bei einer Steuerprüfung. Du brauchst für den Anfang nur zwei Zahlen: Gewinn je Aktie (Gewinn des Unternehmens geteilt durch Anzahl der Aktien), also das EPS, und das Umsatzwachstum, also Growth.
Der Rechner macht im Hintergrund etwas, das dir als Anfänger enorm hilft: Er kombiniert zwei Blickwinkel. Auf der einen Seite eine Fair Value Logik, die ich als schnelle Bewertungsformel nutze um eine grobe Schätzung für den eigentlichen Wert der Aktie zu erhalten, und auf der anderen Seite ein Abgleich zwischen Realität und Fantasie. Du musst diese Formeln nicht bis in jede Zeile verstehen, um davon zu profitieren. Entscheidend ist, dass du die beiden Eingaben halbwegs sauber wählst, weil dort die meisten Fehler passieren.
Beim EPS ist die Regel simpel: Nimm das letzte veröffentlichte EPS aus einer Google Suche oder dem Geschäftsbericht, und wenn du es sauber machen willst, orientiere dich am verwässerten, also „diluted“ EPS. Das wirkt vielleicht nach einem kleinen Detail, jedoch schützt dich die Verwendung von verwässerten Werten langfristig vor Schönrechnerei. Die Werte findest du heute schneller, als manche Bank dir einen Termin anbieten kann. Ein paar seriöse Finanzportale, eine schnelle Suche nach „Aktienname EPS“ und du bist im Spiel. Merk dir einfach wenn verwässertes EPS oder diluted EPS steht ist es das richtige.
Beim Growth wird es interessanter, weil viele hier anfangen zu raten. Dabei ist das Grundprinzip wirklich leicht. Du schaust dir den Umsatz vom Vorjahr und vom aktuellen Jahr an und leitest daraus die Steigerung ab. Wenn der Umsatz von 100 auf 110 steigt, dann ist das 10 Prozent Wachstum. Das ist keine Zauberei, das ist einfach nur Rechnen wie im Alltag. Und ja, auch hier findest du die Umsätze problemlos online. Damit hast du schon alles, was du brauchst, um den manuellen Rechner zu füttern und eine erste Einschätzung für deine Aktie zu bekommen.
Jetzt kommt der Teil, der im echten Leben den Unterschied macht: EPS und Growth verhalten sich in der Realität nicht brav und linear. Ein Unternehmen kann ein einzelnes Jahr haben, das komplett aus der Reihe tanzt, weil es Einmaleffekte gibt, zyklische Schwankungen, Sonderabschreibungen oder einfach eine Ausnahmesituation. Wenn du dann nur dieses eine Jahr nimmst, bekommst du ein Bild, das zwar mathematisch sauber wirkt, aber inhaltlich komplett schief sein kann. Genau das ist der Moment, in dem viele entweder frustriert aufgeben oder anfangen, Zahlen so zu drehen, bis das Ergebnis hübsch aussieht. Beides ist schlecht. Das eine kostet dich Chancen, das andere kostet dich Geld.
Deshalb gibt es ergänzende Hilfsrechner, die genau dieses Problem lösen. Du kannst mehrere EPS Daten eingeben und bekommst daraus einen geglätteten Wert. Und zwar nicht als stumpfen Durchschnitt, sondern als gewichtetes Mittel, bei dem jüngere Werte stärker zählen als ältere. Das ist logisch, weil du wissen willst, wo das Unternehmen heute steht, nicht wo es vor zehn Jahren war. Zusätzlich wird die Reihe auch um Median und geometrisches Mittel ergänzt, damit Ausreißer nicht dein komplettes Bild zerlegen. Ein schönes Beispiel ist die Ford Motor Company. Wenn du historische EPS Daten über mehrere Jahre betrachtest, siehst du sofort, wie ein Ausreißer in einer Krise eine Zahlenreihe verzerren kann. Genau dafür ist dieses Glätten da. Und wenn du mehr Jahre einbeziehen willst, kannst du weitere Jahre hinzufügen und die Reihe erweitern, statt dich von einem einzigen Jahr hypnotisieren zu lassen. Den Durchschnittsrechner findest du auf der Plattform – Take aus diesem Absatz: einjährige Ausreisser in einer Datenreihe lassen sich durch den Durchschnitt aus Median (mittelster Wert einer Zahlenreihe), arithmetischen Mittel (der Durchschnitt so wie du ihn kennst) und geometrischen Mittel (der Mittelpunkt auf einem Chart wo jede Zahl ein Punkt ist) glätten, sodass man die Zahlenreihe mathematisch sinnvoll weiterverwenden kann.
Dasselbe Spiel gibt es für das Wachstum. Auch dort hilft es, nicht nur einen Moment zu betrachten, sondern eine Reihe. Nimm als Beispiel die Umsatzzahlen von Daimler über mehrere Jahre hinweg. Wenn man daraus das Wachstum ableitet und den Growth Zusatzrechner für dessen Durchschnitt einsetzt, kommt man auf ein geglättetes Wachstum von 8,22 Prozent in den letzten Jahren. Und das ist genau der Punkt: Du bekommst eine Zahl, die nicht aus Bauchgefühl stammt, sondern aus Daten. Das passiert übrigens auch dann, wenn man subjektiv von einer Aktie überzeugt ist. Zahlen sind manchmal unromantisch, aber sie sind gnadenlos ehrlich. Und Ehrlichkeit ist sowohl im echten Leben als auch an der Börse eine Superkraft.
So weit so gut. Jetzt kommt eine Stelle, die ich absichtlich hart formuliere, weil sie dich vor den typischen Anfängerfehlern bewahrt. Beim manuellen Fair Value Rechner gibt es eine einfache Leitplanke: Das eingegebene EPS sollte grob zwischen 1 und 15 liegen, und das Growth sollte mindestens 1 sein, besser mindestens 3. Der Hintergrund ist simpel. Ich persönlich besitze lieber Anteile an Unternehmen, die Geld verdienen und wachsen, statt nur eine Story zu kaufen. Wenn du Werte eingibst, die in der Praxis kaum vorkommen oder extrem geschönt sind, wirst du vom Investor zum Spekulanten bzw. stößt der einfache Fair Value Rechner an seine Grenzen. Man kann natürlich nur vergangene Werte dann in die Zukunft extrapolieren wenn diese gleichmäßig und realistisch sind. Je mehr Fantasie in den eingegeben Zahlen umso fantastischer das Ergebnis. Logisch.
Ein weiterer Punkt, der viele wundert, wenn sie erstmals die Fairvalue Calculator Tools verwenden: Manchmal findet man gar nicht so viele Aktien, die wirklich unterbewertet sind. Dann kommt schnell der Gedanke „funktioniert das überhaupt?“. Doch, es funktioniert. Es ist nur möglicherweise gerade der Markt, der teuer ist. Wenn der Gesamtmarkt überhitzt ist, findet man einfach weniger günstige Aktien weil der Gesamtmarkt ja aus allen Aktien besteht. Nach Krisen dagegen ist es oft deutlich leichter, unterbewertete Aktien zu finden, weil die Stimmung kippt und Preise oft getrieben durch Panik und Angst stärker fallen als die inneren Werte und Geschäftszahlen. Genau deshalb gehört zum Fairvalue Calculator nicht nur die Bewertung einzelner Aktien, sondern auch der erweiterte Blick auf den Gesamtmarkt. Wenn du verstehen willst, wie teuer oder wie heiß der Markt gerade ist, findest du dafür die Marktanalyse, die historische Kennzahlen und die Gesamtbewertung der gesamten Datenbank einordnet. Große Aktien-Indizes und die Entwicklung der Wirtschaftskraft werden dort gegenübergestellt, weil es hilft, die virtuelle Wertewelt Börse wieder mit der realen Welt zu erden. Vor allem in Phasen, in denen niedrige Zinsen und Euphorie die Kurse deutlich stärker treiben als das, was die reale Entwicklung eigentlich hergeben würde.
Und jetzt kommt das Praktische für dich. Der manuelle Rechner ist nicht dazu da, dass du für immer alles händisch machst. Er ist dazu da, dass man die Logik wirklich versteht. Wenn man einmal ein Gefühl dafür hat, wie EPS, Wachstum, Ausreißer und Glättung zusammenhängen, kann man entweder weiterhin manuell arbeiten oder man geht den nächsten Schritt und nutzt die automatischen Tools, die diese Arbeit abnehmen und deutlich erleichtern. Wichtig ist nur, dass man nie wieder blind auf den Preis einer Aktie schaut, ohne den Wert wenigstens grob einzuordnen.