Kapitel 4

Kapitel 4

Premium Tools, Hotlist und wie man Aktien im Alltag entdeckt

In den letzten Kapiteln ging es darum, dass der Markt immer wieder übertreibt, dass Zeit ein Verbündeter ist und dass ohne Fair Value vieles wie Fahren im Nebel wirkt. Die logische nächste Frage lautet: Wie findet man in einem Markt voller Hype und fiktiver Werte jene Unternehmen, bei denen Preis und Wert wirklich auseinanderlaufen und zwar zu den eigenen Gunsten. Genau dafür habe ich die Fair Value Datenbank und die Premium Tools aufgebaut.

Es gibt einen Satz, der in vielen Auswertungen immer wieder auftaucht: Der beste Zeitpunkt, um mit dem Investieren zu beginnen, ist immer jetzt. Nicht weil der Markt gerade garantiert günstig wäre, sondern weil niemand zuverlässig weiß, wann und wodurch die nächste Krise kommt. Market Timing funktioniert auf dem Papier hervorragend, in der Praxis aber fast nie. Mir war es wichtig, nicht von einem Bauchgefühl abhängig zu sein, sondern von einem System. Die Datenbank und die Premium Tools sind deshalb so angelegt, dass man auch in überhitzten Phasen Unternehmen finden kann, die noch echte Chancen bieten.

In dieser Datenbank liegen Daten von zehntausenden Aktien inklusive der wichtigsten Kennzahlen für eine fundierte Analyse. Mit dem Aktien Screener kann man sich zum Beispiel alle Unternehmen anzeigen lassen, deren berechneter Fair Value über dem aktuellen Börsenkurs liegt. Solche Titel landen dann in einer Art Hotlist, also einer Liste potenziell unterbewerteter Aktien. Auf diese Weise findet man auch in Zeiten, in denen die großen Indizes von einem Hoch zum nächsten laufen, immer noch einzelne Werte, bei denen Preis und Wert auseinanderklaffen und zwar so, dass es für den Anleger ein Vorteil ist.

In der Praxis passieren dabei zwei Fehler besonders gern. Der erste klingt banal, kann aber enorme Auswirkungen haben: die falsche Währung. Bei vielen amerikanischen Aktien ist das Gewinn je Aktie, also das EPS, in Datenbanken in US Dollar angegeben. Der Kurs wird im eigenen Depot oder auf einer europäischen Seite aber vielleicht in Euro angezeigt. Wenn man dann das EPS in Dollar in den Rechner eingibt, den ermittelten Fair Value in Dollar erhält und diesen später mit einem Kurs in Euro vergleicht, baut man still und leise den Wechselkursfehler ein. Der Fair Value wird immer in jener Währung angezeigt, in der das EPS eingegeben wurde. Wenn man in Euro denkt und rechnet, sollte man das EPS zuerst in Euro umrechnen und erst dann den Fair Value berechnen. Nur so lässt sich am Ende Fair Value und aktueller Kurs wirklich sauber vergleichen. In den Premium Tools wird der Fair Value entsprechend dem Handelsplatz und dessen Währung ausgegeben. Man sollte also einfach darauf achten, dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleicht.

Der zweite Fehler besteht darin, die Möglichkeiten der Tools nur halb zu nutzen. Auf derselben Seite, auf der der einfache Rechner zu finden ist, gibt es erweiterte Rechner, die mehrere Kennzahlen abfragen und dafür ein deutlich genaueres Ergebnis liefern. Diese wirken auf den ersten Blick etwas technischer, kommen aber dem inneren Wert eines Unternehmens näher als jede spontane Meinung. Zu jeder Kennzahl gibt es Erklärungen und Hinweise, wie sie zu verstehen ist. Es geht nicht darum, dass jeder plötzlich zum Vollzeit Analysten wird. Es geht darum, mit ein paar zusätzlichen Eingaben ein stabileres Bild zu bekommen, als es jede Hochglanzbroschüre liefern kann. Ein Blick auf die Webseite lohnt sich um einfach ein wenig durch die Rechner und Kennzahlen zu stöbern.

Sobald man sich mit Screener und Hotlist im Premium Tool vertraut gemacht hat, lohnt es sich, eine eigene Liste von Aktien zu erstellen, die interessant wirken. Darauf können Unternehmen stehen, die der Rechner ausspuckt, Aktien, die sich bereits im eigenen Depot befinden, Namen aus Artikeln, Gesprächen oder Diskussionen, kurz: alles, was immer wieder auftaucht. Viele Anleger beginnen ihre Suche bei Finanzmagazinen, Online Portalen und Aktienforen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, man sollte aber wissen, was man dort findet. Auf Bewertungsseiten und in Rankings landen häufig die Favoriten der Stunde, also jene Aktien, die bereits stark gestiegen sind oder durch heftige Schwankungen auffallen. Solche Listen sind eher ein Spiegel dessen, was gerade im Fokus der Masse steht. In späten Phasen eines langen Aufschwungs sind das selten die leisen, unterbewerteten Perlen, sondern eher die lautesten Geschichten. Im Fairvalue-Calculator bieten wir eine Portfolio Funktion die eine derartige Aktienliste ermöglicht.

Eine zweite, oft unterschätzte Quelle liegt im eigenen Alltag. Welche Produkte benutzt man ständig und gern. Welche Dienstleister hinterlassen einen außergewöhnlich guten Eindruck. Gibt es Marken, von denen die Partnerin begeistert ist oder die die Kinder lieben. Welche Apps, Geräte oder Services würden viele Menschen ohne Nachdenken weiterempfehlen. Danach stellt sich die entscheidende Frage, ob es sich nur um eine persönliche Vorliebe handelt oder um etwas, das von vielen Menschen ähnlich empfunden wird. Wenn sehr viele Menschen ein Produkt als unverzichtbar empfinden, steigt die Nachfrage und langfristig in vielen Fällen auch der Unternehmenswert. Trotzdem ziehen wir erstaunlich selten den Schluss, dass diese Beobachtungen an der Börse interessant sein könnten. Man nimmt das Kauferlebnis mit, vergisst aber den Blick des Anlegers. 

Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben zeigt das sehr deutlich. Mein Vater liest morgens gern die österreichische Tageszeitung „Die Presse“. Irgendwann, es muss um Weihnachten 2007 herum gewesen sein, stieß er auf einen kleinen Kasten am Rand einer Seite. Dort stand, dass der Diskonter „Pennymarkt“ zum Weihnachtsgeschäft das iPhone von Apple in kleinen Stückzahlen nach Österreich holt und erstmals anbietet. Pennymarkt, also ein eher wenig glamouröser Lebensmittelhändler, und im Sortiment plötzlich ein Gerät, das damals nur wenige Technik Begeisterte wirklich kannten. Es gab noch keine schicken Apple Geschäfte in jeder Innenstadt, das iPhone war eher ein exotisches Thema.

Niemand von uns hätte in diesem Moment ernsthaft gedacht, dass Apple mit diesem einen Produkt den damaligen Marktführer Nokia in die Knie zwingt und eine ganze Branche umkrempelt. Vielleicht stand in diesem kleinen Zeitungsabschnitt, dass es ein völlig anderes Handy sei, mit Berührungssteuerung und ungewohnter Bedienung. Mit ein wenig Fantasie hätte man erkennen können, dass hier etwas Besonderes passiert. Hätten wir damals schon das Bewusstsein gehabt, Alltagssignale mit der Börse zu verknüpfen, hätten wir uns ernsthaft fragen können, ob Apple als Aktie nicht eine genauere Betrachtung verdient. Man muss sich für derartige Signale im Alltag sensibilisieren!

Was haben wir stattdessen getan. Einige Zeit später sind wir tatsächlich zu diesem Pennymarkt gefahren und haben uns zwei iPhones der ersten Generation gekauft. Für damalige Verhältnisse fühlte sich das fast verrückt an, denn unsere bisherigen Handys schienen ja völlig in Ordnung. Aber in dem Moment, in dem wir das iPhone zum ersten Mal in der Hand hatten, war klar, dass dieses Gerät eine andere Liga ist. Die Haptik, das Glas, die Bedienung, das gesamte Gefühl war eine Stufe moderner als alles, was wir bis dahin kannten. Wir waren begeistert vom Produkt, aber wir haben es nicht mit der Idee verbunden, dass diese Begeisterung Millionen Menschen erfassen könnte und dass das als Aktie eine enorme Chance darstellen würde. Wir waren Käufer, aber keine Investoren in diesem Moment.

Diese Geschichte erzähle ich nicht, um im Nachhinein klüger zu wirken, sondern um zu zeigen, wie nah Alltag und Anlagechancen beieinander liegen. Man läuft ständig an Signalen vorbei, die auf starke Unternehmen hinweisen könnten. Die eigentliche Kunst besteht darin, sie zu erkennen und dann mit einer systematischen Analyse zu verbinden. Genau hier kommen die Datenbank, der Screener, die Hotlists und die erweiterten Rechner ins Spiel. Sie ersetzen nicht den Blick auf Produkte und Dienstleistungen im echten Leben, sie helfen nur, aus einem guten Gefühl eine überprüfbare Bewertung zu machen.

Wenn man Premium Tools und Eindrücke aus dem eigenen Alltag kombiniert, entsteht eine sehr starke Grundlage. Man findet Unternehmen, die man kennt oder erlebt, prüft diese anschließend nüchtern mit Fairvalue-Calculator und die Kennzahlen entscheiden dann, ob die Differenz zwischen Preis und Wert groß genug ist, um das eingegangene Risiko und ein Investment zu rechtfertigen. Genau an diesem Punkt beginnt das, was ich unter langfristigem, eigenverantwortlichem Investieren verstehe.