Kapitel 6

Kapitel 6

Die Fairvalue Calculator Methode in der Praxis

Bis hierher ging es viel um Theorie, Logik und die Werkzeuge hinter dem Fairvalue Calculator. Spannend wird es an dem Punkt, an dem sich alles zu einem Ablauf fügt, den man Schritt für Schritt im echten Depot anwenden kann. Genau darum geht es jetzt: um die praktische Methode, wie man vom Gesamtmarkt über die Branche bis zur einzelnen Aktie kommt und den Fair Value nicht nur kennt, sondern konsequent nutzt.

Im Kern folgt die Fair Value Calculator Methode einem einfachen Top-down-Gedanken. Zuerst wird geprüft, wie teuer oder günstig der Markt insgesamt ist. Dann wird gefragt, welche Branchen in diesem Umfeld attraktiv sind. Erst danach wählt man konkrete Aktien und nutzt die Premium Tools, um Fair Value, Qualität und Stärke sauber einzuschätzen. Es ist also weniger ein Bauchgefühl als ein wiederholbarer Ablauf, den man bei jedem Investment durchgehen kann.

Am Anfang steht die Marktanalyse. Im Markt-Analyse-Tool wird nicht geraten, sondern gerechnet: Aus allen Aktien in der Datenbank werden durchschnittliches KGV, KBV, KUV und Dividendenrendite gebildet und diesen Werten ihre eigenen historischen Durchschnitte gegenübergestellt. Daraus entsteht eine Kennzahl, die zeigt, um welchen Faktor der Markt von seiner „normalen“ Bewertung abweicht. Zusätzlich fließt ein, wie viele Aktien in der Datenbank derzeit als unterbewertet und wie viele als überbewertet gelten. Aus all diesen Puzzleteilen ergibt sich ein Markt-Fair-Value-Wert, der täglich neu berechnet wird. Liegt dieser Wert deutlich unter 0,75, ist das historisch gesehen eine sehr günstige Marktphase. Zwischen 0,75 und 1 bewegt sich der Markt in etwa im fairen Bereich, alles darüber signalisiert Übertreibung und Vorsicht.

Theoretisch wäre es einfach: Man wartet brav, bis der Marktindikator unter 0,75 fällt, investiert dann aggressiv und macht brillante Renditen. In der Praxis gibt es zwei Probleme. Erstens kommen derart günstige Phasen extrem selten vor und dauern oft nur kurz. Zweitens kann ein überteuerter Markt sehr lange teuer bleiben, ohne dass sofort der große Crash kommt. Market Timing klingt am Papier verlockend, ist aber in der Realität kaum zu meistern. Crashs treten mit einer Geschwindigkeit auf, für die es kein verlässliches Warnsignal gibt, und die Kurse fallen in der Regel schneller, als sie später wieder steigen. Langfristig steigt der Aktienmarkt im Durchschnitt trotzdem, die berühmten rund 9 Prozent pro Jahr, aber der genaue Weg dorthin ist holprig und schwer vorherzusagen.

Aus dieser Erfahrung heraus arbeite ich selbst lieber mit Wahrscheinlichkeiten als mit Kristallkugeln. In meinem eigenen Depot bin ich im Grundsatz immer investiert. Parallel dazu wird laufend angespart, und dieses zusätzlich aufgebaute Cash wird nur dann schrittweise in den Markt geschoben, wenn die Marktanalyse klar günstigere Bewertungen zeigt. Je billiger der Markt laut Analyse erscheint, desto mehr Risiko kann man vertreten, je teurer er wirkt, desto mehr spricht dafür, den Einsatz zu reduzieren, defensiver zu werden oder einfach einmal nichts Neues zu kaufen. Niemand ist gezwungen, jeden Monat Aktien zu erwerben, nur weil gerade Geld am Konto liegt.

Wenn der Markt grob eingeordnet ist, rückt die Branchenebene ins Zentrum. Das Branchen-Analyse-Tool sortiert nicht nach Schlagzeilen, sondern nach Verhältniszahlen. Alle Branchen in der Datenbank können zum Beispiel nach KGV oder KBV aufsteigend geordnet werden. Unten in dieser Liste finden sich die Bereiche, in denen die Bewertungen im historischen Vergleich eher gedrückt sind. Genau dort entstehen statistisch häufiger die besseren Schnäppchen. Im oberen Bereich der Liste tummeln sich meist die Lieblinge der letzten Jahre, also die Sektoren, die in der jüngeren Vergangenheit stark gelaufen und entsprechend hoch bewertet sind.

Erfahrungsgemäß lohnt es sich, bei manchen Branchen besonders vorsichtig zu sein. Banken und Ölwerte sind klassische Beispiele dafür, dass hohe Bilanzkomplexität und schwer einschätzbare Risiken die Bewertung unübersichtlich machen. Wer nicht wirklich in der Tiefe versteht, wie eine Großbank oder ein Rohstoffkonzern funktioniert, fährt oft besser, das Themenfeld über breit gestreute ETFs abzudecken, statt einzelne Aktien zu wählen, bei denen ein Bilanzdetail alles auf den Kopf stellen kann. Für Gold oder Rohstoffe im Allgemeinen eignet sich ein ETF meist besser als eine einzelne Minengesellschaft. Wichtig ist nur, dass es sich wirklich um einen ETF und nicht um ein ETC handelt, weil nur der ETF als Sondervermögen gilt und im Falle einer Pleite des Anbieters nicht einfach verschwindet. Wenn einem das zu kompliziert ist, gibt es eine sehr einfache Lösung: Diese Sektoren einfach meiden und sich auf Bereiche konzentrieren, die man wirklich versteht.

Sobald klar ist, wie der Markt ungefähr bewertet ist und welche Branchen interessant erscheinen, beginnt die eigentliche Jagd nach einzelnen Fair Value Aktien. Hier spielen die Premium Tools ihre Stärke aus. Im Aktien-Screener lässt sich mit wenigen Klicks eine Liste jener Titel erstellen, deren Fair Value über dem aktuellen Börsenkurs liegt. Zusätzlich können Filter wie Region, Marktkapitalisierung, Dividendenrendite oder Wachstumsraten ergänzt werden. So entsteht nicht irgendeine Trefferliste, sondern eine engere Auswahl von Unternehmen, bei denen Preis und fundamentale Qualität zusammenpassen.

Viele Anleger finden ihre Kandidaten über Fachzeitschriften, Finanzportale, Blogs oder Gespräche. Namen wie Facebook (Meta) oder Tencent tauchten früher immer wieder in meinen Notizen auf, weil sie sowohl in der Presse als auch in Foren präsent waren. Entscheidend ist, diese anfängliche Aufmerksamkeit nicht mit Qualität zu verwechseln. Der Screener hilft, das Bauchgefühl zu erden: Zeigt das System, dass der faire Wert deutlich über dem Kurs liegt und die Kennzahlen solide sind, wird aus einer „spannenden Story“ ein konkreter Investmentkandidat. Passt die Bewertung nicht oder sind die Kennzahlen schwach, wandert der Name wieder von der Liste. auch wenn die Schlagzeilen gerade noch so begeistert klingen.

Die eigentliche Analyse findet auf der Aktienunterseite statt. Dort laufen alle Fäden zusammen: der automatisch berechnete Fair Value, alternative Bewertungsansätze wie Discounted Cashflow, der Branchenvergleich, Wachstumsraten, Rentabilitätskennzahlen und die Relative Stärke im Vergleich zum Gesamtmarkt. Wenn man mehrere Bewertungsmodelle nebeneinander sieht, erkennt man schnell, ob ein einzelner Ausreißer die gesamte Einschätzung verzerrt. Ein Jahr mit außergewöhnlichem Gewinnsprung, eine Sondersituation wie ein einmaliger Lizenzdeal oder ein Buchgewinn können die Kennzahlen in die Höhe treiben, ohne dass das Geschäftsmodell dauerhaft stärker wurde. Genau deshalb ist es wichtig, Reihen von Kennzahlen über mehrere Jahre anzusehen.

In der Praxis läuft eine vollständige Analyse mit der Methode oft gleich ab: Zuerst prüft man, ob der Markt insgesamt in einem halbwegs vertretbaren Bereich liegt. Dann wird geschaut, welche Branchen laut Branchen-Analyse-Tool relativ günstig erscheinen und nicht gerade in einer gefährlichen Hype-Zone schweben. Aus diesen Branchen filtert man mit dem Screener jene Aktien, deren Fair Value deutlich über dem Preis liegt. Diese Kandidaten wandern auf die Watchlist, werden in Ruhe auf der Aktienunterseite durchgesehen und mit Blick auf Qualität, Fair Value und Verschuldung geprüft. Erst wenn dieses Gesamtbild stimmig ist, führt der Weg zu einem tatsächlichen Kauf ins Depot.

So wird aus einem scheinbar unüberschaubaren Aktienuniversum ein klarer Ablauf: Markt einordnen, Branchen gewichten, Einzeltitel mit System suchen und dann mit Geduld die Fair Values arbeiten lassen. Alles andere wie Tageslaunen, Schlagzeilen, kursierende Crash-Prognosen tritt in den Hintergrund und wird zu genau dem Hintergrundrauschen, das an der Börse nie verstummen wird, das man aber nicht mehr ständig in die eigene Entscheidung hineinlassen muss. Man kann Schwankungen selbstbewusst und gelassen beobachten ohne Angst und Stress.