Kapitel 7

Kapitel 7

Timing, Ausstieg und Money Management

Bis hierher ging es darum, wie man gute Aktien findet, Branchen auswählt und mit der Fair Value Calculator Methode Schritt für Schritt ein Depot aufbaut. Die nächste Frage liegt auf der Hand: Wann steigt man ein, wie lange bleibt man investiert, und wann ist der richtige Moment, um wieder auszusteigen oder Positionen anzupassen. Genau in diesem Spannungsfeld aus Timing, Geduld und Disziplin entscheidet sich, ob eine gute Strategie in der Praxis wirklich wirkt.

Der wohl häufigste Fehler an der Börse ist die Suche nach dem perfekten Zeitpunkt. Man wartet auf den tiefsten Punkt, auf das große Crashsignal oder auf den einen magischen Moment, an dem plötzlich alles billig ist. In der Realität gibt es diesen idealen Einstieg kaum. Der technisch richtige Satz wäre: Der beste Zeitpunkt ist immer jetzt, sofern der eigene Zeithorizont lang genug ist. Gleichzeitig wäre es naiv, sämtliche Ersparnisse genau an dem Tag zu investieren, an dem der Markt laut Analyse deutlich überteuert wirkt. Darum macht es Sinn, den Einstiegszeitpunkt nicht als Punkt, sondern als Prozess zu verstehen. Wenn die Marktanalyse zeigt, dass Bewertungen eher ambitioniert sind, kauft man lieber in mehreren Tranchen und hält bewusst einen Teil des Geldes als Reserve zurück. Wird der Markt günstiger, fließt mehr Kapital hinein, bleibt er teuer, bewegt man sich behutsamer. Im Hintergrund hilft die einfache Grundregel, die oft Keynes zugeschrieben wird: Märkte können länger irrational bleiben, als man selbst liquide bleiben kann. Besser ist es, über mehrere Monate oder Jahre in Positionen hineinzuwachsen, fast wie bei einem Sparplan, statt mit einem einzigen großen Sprung ins eiskalte Wasser zu springen.

Damit dieses Vorgehen funktioniert, braucht es einen klaren Zeithorizont. Fair Values sind keine Kurse von morgen früh, sondern Zielmarken, an die sich Aktien im Laufe der Zeit heranarbeiten. In der Literatur kursiert häufig die Annahme, dass sich Unter- und Überbewertungen in etwa innerhalb von 3 bis 5 Jahren abbauen. Peter Lynch spricht davon, dass sich der wahre Wert innerhalb von ungefähr 3 bis 10 Jahren im Kurs widerspiegelt. In der Fair Value Datenbank zeigt sich ein ähnliches Bild. Ein sehr großer Teil der untersuchten Aktien erreicht den damals berechneten Fair Value innerhalb von etwas mehr als fünf Jahren. Das ist kein Versprechen, aber ein realistischer Orientierungsrahmen. Wer mit der Fair Value Methode arbeitet, sollte im Hinterkopf haben, dass eine Position im Zweifel auch fünf bis sieben Jahre im Depot liegen bleiben können muss. Erst wenn man nur Geld investiert, das man so lange nicht unbedingt braucht, entsteht die innere Ruhe, die man für diese Strategie braucht.

Zu dieser Ruhe gehört auch, dass man das Risiko in Zahlen denken kann. An der Börse gibt es keinen Ansatz ohne Rückschläge, auch nicht beim Investieren in unterbewertete Qualitätsaktien. Selbst eine solide Auswahl kann in ungünstigen Phasen deutlich ins Minus rutschen. In stressigen Marktphasen hilft es, sich nüchtern vor Augen zu halten, womit man im Extremfall rechnen muss. Aus historischen Daten und eigenen Auswertungen ergibt sich ungefähr folgendes Bild: Wer zum wirklich unglücklichsten Zeitpunkt einsteigt und eine eher unglückliche Mischung von Fair Value Aktien erwischt, muss damit rechnen, im schlechtesten Fall um ein gutes Drittel im Minus zu liegen und mehrere Jahre zu brauchen, bis sich die Kurse wieder erholt haben. Das klingt zunächst unangenehm, ist aber weit entfernt von Totalverlust. Selbst nach schweren Crashs haben sich breite Qualitätsportfolios über die Jahre oder sogar in wenigen Monaten wieder jomplett erholt. Wichtig ist nur, dass die Positionsgröße so gewählt ist, dass ein vorübergehender Buchverlust in dieser Größenordnung psychisch und finanziell verkraftbar ist.

Die Frage, wie lange man eine Aktie hält, ist eng mit dem Ausstieg verknüpft. Grundsätzlich ist die Fair Value Methode darauf ausgerichtet, Positionen lange laufen zu lassen. Kurzfristiges Hin und Her ist nicht das Ziel, sondern langfristige Beteiligung an wachsenden Unternehmen, die man günstiger gekauft hat, als sie wert sind. Es gibt im Prinzip drei Gründe, eine Position aktiv zu schließen. Erstens ganz banal, weil man das Geld aus privaten Gründen braucht. Zweitens, weil die ursprüngliche Investmentidee nicht mehr stimmt, etwa wenn Gewinne wegbrechen, die Bilanz kippt oder der Fair Value deutlich fällt. Und drittens, wenn sich eine Aktie so entwickelt hat, dass sie strukturell nicht mehr zum Depot passt, etwa weil die Gewichtung aus dem Ruder läuft.

Ein praktischer Ansatz ist, beim Verlustrisiko klare Grenzen zu ziehen. Verluste können auch nach bester Analyse entstehen, weil die Welt sich ändert oder man sich schlicht geirrt hat. Entscheidend ist nicht, Fehler zu vermeiden, sondern wie man mit ihnen umgeht. Anstatt eine Aktie immer weiter fallen zu lassen, kann man sich bereits vor dem Kauf überlegen, ab welchem Minus man ehrlich sagt: Die Idee war falsch, das Kapital ist anderswo besser aufgehoben.

Eine simple Regel: Wenn der Fair Value niedriger ist als der Preis, der Kurs unter dem 200-250 Tagesdurchschnitt liegt und die Position im Minus liegt muss man verkaufen, egal wie unangenehm es ist den Verlust zu realisieren! Solange der Kurs über dem 200-250 Tagesdurchschnitt liegt Gewinne laufen lassen.

Das freigewordene Geld kann dann in eine andere, besser passende Fair Value Aktie fließen oder in eine bestehende, erfolgreiche Position, die alle Kriterien erfüllt. So werden Verluste begrenzt, während das Geld dorthin wandert, wo die Wahrscheinlichkeit auf Erholung und Wachstum höher ist.

Beim Gewinn ist die Versuchung umgekehrt. Sobald eine Position schön im Plus liegt, will man gern schnell „einsacken“, um den Erfolg zu sichern. Hier hilft die innere Unterscheidung zwischen Kurs und Fair Value. Solange der faire Wert deutlich über dem Kurs liegt, das Unternehmen sauber arbeitet und der steigende Durchschnitt intakt ist, gibt es keinen sachlichen Grund, eine Aktie nur deshalb zu verkaufen, weil sie gestiegen ist. In vielen Fällen ist es sinnvoller, Gewinne laufen zu lassen und die Position zu halten, bis Fair Value und Kurs sich angeglichen haben oder der Markt offensichtlich übertreibt. Erst wenn sich die Fair Value Spanne schließt und der Aufwärtstrend im 200-250 Tagesdurchschnitt nach unten gebrochen wurde, kann man in Ruhe entscheiden, ob man teilweise verkauft, komplett aussteigt oder die Position einfach weiter hält, weil das Unternehmen immer noch wächst. 

Spannend wird es beim Thema Rebalancing, also bei der Pflege des gesamten Depots. Die alte Börsenweisheit, dass „Hin und Her die Taschen leer macht“, richtet sich gegen blindes Aktionismus-Trading, nicht gegen sinnvolle Korrekturen. In einem typischen Fair Value Depot passiert nämlich etwas ganz Natürliches: Einige Aktien entwickeln sich über Jahre prächtig, andere dümpeln seitwärts oder liegen etwas zurück. Ohne Eingriff würden wenige Gewinner das Depot irgendwann dominieren, während der Rest kaum noch Gewicht hat. Der konservative Weg ist, in regelmäßigen Abständen die Gewichte zu überprüfen und die größten Ausreißer wieder einzufangen. Wer sieht, dass zwei oder drei Aktien einen sehr großen Teil des Depots ausmachen, kann behutsam Gewinne mitnehmen und das Geld auf andere Positionen verteilen oder neue Fair Value Aktien ins Depot holen. Die Tortenstücke der Kapitaltorte werden dadurch wieder ähnlich groß, die Schwankungen nehmen ab und das Risiko eines Klumpens wird kleiner.

Daneben gibt es eine mutigere Variante, die eher einer Trendfolge entspricht. Statt große Gewinner konsequent zurückzustutzen, konzentriert man sich darauf, Verlierer konsequent zu reduzieren und Gewinner sogar nachzukaufen. Die Idee dahinter ist einfach: Aktien, die sich über lange Zeit stark entwickeln, haben oft gute Gründe dafür und tendieren dazu, weiter gut zu laufen. Wer Verluste aktiv begrenzt und Gewinne bewusst ausbaut, bekommt in der Spitze zwar ein stärker konzentriertes Depot, profitiert dafür aber überdurchschnittlich von den besten Ideen. Dieser progressive Ansatz bringt natürlich ein höheres Klumpenrisiko mit sich und passt nur zu Anlegern, die diese Schwankungen psychisch aushalten können und ihr Depot im Blick behalten. Aus persönlicher Erfahrung lässt sich sagen, dass eine Mischung aus beidem oft sinnvoll ist. Der Großteil des Depots wird vernünftig gewichtet gehalten, ein Teil darf bewusst stärker auf einige wenige, sehr starke Titel fokussiert sein.

Ganz egal, ob man konservativ oder progressiv rebalanced, eines bleibt unverändert wichtig: Verluste nicht aussitzen, wenn die Investmentidee offensichtlich nicht mehr trägt, und Gewinne nicht aus reiner Nervosität begrenzen. Die berühmte Kombination aus Gewinne laufen lassen und Verluste begrenzen ist kein kluger Spruch für Börsenkalender, sondern ein nüchterner Money-Management-Grundsatz. Die Fairvalue Calculator Methode liefert dafür den Rahmen. Der Fair Value, die Qualitätskennzahlen, die relative Stärke und die Marktanalyse helfen dabei, Entscheidungen nicht aus Angst oder Gier zu treffen, sondern an klaren Signalen auszurichten.

Am Ende ist Timing in dieser Strategie weniger das Suchen nach magischen Einstiegspunkten als das Zusammenspiel aus Geduld, Reservehaltung, klarem Zeithorizont und disziplinierter Pflege. Man steigt nicht ein, weil jemand im Fernsehen ein Kursziel genannt hat, sondern weil Markt, Branche und Fair Value zusammenpassen. Man steigt nicht aus, weil es zwei rote Tage am Stück gab, sondern weil sich Fundamentaldaten, Bewertung oder Depotstruktur verändert haben. Die nächste große Baustelle liegt allerdings nicht im Chart und nicht in der Bilanz, sondern im Kopf. Wie man mit Panik, Euphorie, FOMO und all den typischen Anlegerfallen umgeht, entscheidet am Ende genauso viel wie jede Kennzahl. Genau darum wird es im nächsten Kapitel gehen.